Beitrag zum Jubiläumsjahr 2025 von Dr. Manfred Bullinger
Geschichte des KQ 2015 bis 2025
Die Peterstraße in der Hamburger Neustadt sieht heute aus wie nahezu aus einem Guss. So war es aber nicht immer und so ist es auch noch nicht so sehr lange.
Zunächst fällt auf, dass die Häuser mit ihrer Zählung bei der Nummer 27 beginnen. Wo aber sind die Nummern 1 bis 26? Die Geschichte ist folgende: 1943 bei den großen Bombenangriffen auf die Hamburger Innenstadt ist ein großer Teil der Peterstraße zerstört worden bzw. abgebrannt. Zu den wenigen erhalten gebliebenen Gebäuden zählt die Nr. 39, ein altes, ursprünglich 1751 gebautes Kaufmannshaus, das spätere Beyling-Stift. Dieses Haus steht heute unter Denkmalschutz und die übrigen Häuser wurden an anderen Orten der Stadt abgetragen und hier wieder historisierend aufgebaut. Fast jedes dieser Häuser trägt eine bronzene Plakette mit Hinweisen darauf, wo es früher stand, wem es früher gehörte, bzw. wem es gewidmet ist. Die Eigentümerin des ganzen Areals ist die Hamburger Carl-Toepfer-Stiftung. Die Peterstraße mit ihrem vorderen Teil Richtung Groß Neumarkt wurde anderweitig bebaut und existiert heute als Straße nicht mehr.
Im erwähnten Beyling-Stift, dem Haus Peterstraße 39, befindet sich seit 1971 das Museum, das die Johannes-Brahms-Gesellschaft eingerichtet hat, um Johannes Brahms, den in Hamburg geborenen Komponisten, zu ehren und die Erinnerung an ihn wachzuhalten. Das war der Anfang.
Vierzig Jahre später, im Jahr 2011, baute die Hamburger-Telemann-Gesellschaft direkt daneben in der Hausnummer 37 ein Museum für Georg Philipp Telemann auf, der mehr als 45 Jahre lang als Kantor am Johanneum, der alten Lateinschule im ehemaligen Johanniskloster, verpflichtet war und als „Director Musices“ auch die Verantwortung für die Kirchenmusik an allen Hamburger Hauptkirchen hatte.
Und dann ging es Schlag auf Schlag. Im Jahr 2013 initiierte die Carl-Toepfer-Stiftung, die auch stark der Förderung von Musik und Kultur verbunden ist, als Eigentümerin des gesamten Geländes die Schaffung weiterer Museen für Komponisten mit einem besonderen Bezug zu Hamburg und stieß damit sowohl bei der Hamburger Kulturbehörde und einzelnen mäzenatischen Bürgern und Stiftungen als auch bei anderen Komponisten-Gesellschaften und der Musikhochschule auf offene Ohren. So wurde gemeinsam beschlossen, weitere Museen einzurichten und eine Art „Betreibergesellschaft“ zu gründen, die diese Museen für die Komponisten-Gesellschaften errichten und betreiben sollte. So ist der Komponisten-Quartier Hamburg e.V. entstanden. Dazu konnten auch das Hotel Baseler Hof und deren Eigentümer gewonnen werden, die als Pächter im Eckgebäude Peterstraße 27 / Neanderstraße 27 in den ersten Jahren eine stilvolle bistroartige Gastronomie eingerichtet haben.
Die Carl-Toepfer-Stiftung übernahm als Bauherrin die Koordination der Umbauarbeiten, sodass in den Erdgeschossen der nebeneinander liegenden Häuser Peterstraße 29 bis 39 ineinander übergehende Museumsräume geschaffen werden konnten. Die Arbeiten wurden in zwei Bauabschnitte unterteilt und begonnen wurde dann mit dem Umzug des Telemann-Museums in die ersten beiden Räume in der Peterstraße 29. Die beiden folgenden Räume widmen sich dem Andenken an Carl Philipp Emanuel Bach, der seinem Vorgänger (und Patenonkel) Telemann im Amte folgte und ebenfalls bis zu seinem Tode 20 Jahre lang in Hamburg blieb. Es schließen sich an Räumlichkeiten für Johann Adolf Hasse, den im seinerzeit unter Hamburger Verwaltung stehenden Bergedorf geborenen Komponisten, der als ausgebildeter Sänger zunächst an der Hamburger Oper am Gänsemarkt engagiert war und später an vielen anderen Orten wie Dresden, Neapel und Venedig ein gefeierter Opernkomponist wurde. Die Eröffnung dieser ersten Museumsteile (einschließlich des im Beyling-Stift verbleibenden Brahms-Museums) fand am 18. März 2015 in Anwesenheit von Kultursenatorin Prof. Barbara Kisseler statt.
Die Museen für die Geschwister Fanny und Felix Mendelssohn (beide in Hamburg geboren), getragen von der Fanny und Felix Mendelssohn-Gesellschaft Hamburg, und für Gustav Mahler (1891 bis 1897 Operndirektor und Komponist in Hamburg), getragen von der Gustav Mahler Vereinigung Hamburg, wurden in der unmittelbaren Folgezeit errichtet und gestaltet und konnten im Mai 2018 eröffnet werden.
Die räumlichen und baulichen Gegebenheiten
Die Häuser der Peterstraße bilden nicht die „geborenen“ Räumlichkeiten für ein Museumsensemble. Die Gesamtanlage ist zwar außerordentlich hübsch und mutet sehr wohnlich an, die Räumlichkeiten allerdings wirken eher eng und die Häuser sind baulich nicht für große Durchbrüche konzipiert. Alles für Museumsleute eine eher ungünstige Konstellation. Die Lage mitten in der gewachsenen Hamburger Neustadt, auf gerader Linie zwischen Wallanlagen und Großneumarkt oder in der anderen Richtung zwischen Laeiszhalle und St. Michaelis, in einer nur für Fußgänger zugänglichen Straße, mit Kopfsteinpflaster und historisierend wieder aufgebauten Häusern ist jedoch enorm reizvoll. Museumsleute lieben große Durchblicke und eher nicht so sehr kleinteilige Mauervorsprünge und alte Kassettenfenster. Die Lösung waren einheitliche Fußböden, ein klares einheitliches graphisches Design und ein schlüssiges Gesamtkonzept, das trotz unterschiedlicher Ausstellungs-„Gegenstände“ einen klaren roten Faden erkennen lässt. Die Gesamtsituation erforderte, dass wir uns auf (mehr oder weniger) zwei Räume für jeden Ausstellungsteil beschränken mussten.
Was zeigen wir
Vor diesem baulich-räumlichen Hintergrund haben wir das Leben jedes „unserer“ Komponisten und der Komponistin unter ein Motto gestellt. Natürlich ist offenkundig, dass sich ein ganzes Künstlerleben nicht so einfach unter einem Schlagwort zusammenfassen lässt, aber den Versuch war es wert und es scheint insgesamt nicht nur vertretbar, sondern sogar ganz gut gelungen zu sein.
Bei den Komponisten des 18. Jahrhunderts fängt es im KomponistenQuartier bei Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) an. Gebürtig aus Magdeburg kam Telemann nach mehreren anderen Stationen im Jahr 1721 nach Hamburg und besetzte als „Cantor Johannei“ und „Director Musices“ eines der angesehensten musikalischen Ämter Deutschlands. Wir betonen im KomponistenQuartier seine Tätigkeit als Kirchenmusiker, die stilisierte Kirchenbank im ersten Museumsraum soll dies symbolisieren – viele unserer Besucher erkennen sofort die bauliche Verwandtschaft dieser Kirchenbank mit der vertrauten Anmutung der geschwungenen Bänke auf den Emporen der Hauptkirche St. Michaelis. In seinen 46 Hamburger Jahren hat Telemann ein enormes Werk hinterlassen, das er auch kaufmännisch geschickt teilweise unter eigener Regie setzen ließ und vermarktete. Telemann galt unter anderem als großer Pflanzenliebhaber, hatte bei den Wallanlagen einen eigenen Garten und tauschte sich auch mit Georg Friedrich Händel fachmännisch über Blumenzwiebeln aus. Nach seinem Tode in Hamburg 1767 wurde Telemann auf dem Friedhof des St. Johannis-Klosters beigesetzt, das sich seinerzeit dort befand, wo heute der Rathausmarkt ist. Eine Gedenktafel links des Haupteinganges zum Rathaus erinnert in aller Bescheidenheit an ihn.
Telemanns Amtsnachfolger wurde sein Patensohn Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788), der sogenannte „Hamburger“ Bach. Er kam 1768 nach Hamburg und auch er blieb lange, 20 Jahre bis zu seinem Tode. C. P. E. Bach war rasch viel bekannter als sein berühmter Vater Johann Sebastian, war ebenfalls ein guter Kirchenmusiker und Oratorienkomponist, liebte allerdings auch die „kleineren“ Werke unter anderem für alle Arten der (bis dahin bekannten) Tasteninstrumente wie Cembalo und Clavichord. Dieser Vorliebe widmen wir im KomponistenQuartier ein besonderes Augenmerk und zeigen unter anderem eine Ausgabe seines berühmten Werkes „Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen“. C. P. E. Bach wurde in Hamburg hoch respektiert und blieb auch Abwerbeversuchen gegenüber standhaft. Begraben wurde Bach in der Krypta von St. Michaelis, wo sein Grabstein noch heute zu sehen ist.
Der nächste Komponist ist streng genommen ein gebürtiger Bergedorfer: Johann Adolf Hasse (1699 bis 1783). Bergedorf stand das gesamte Mittelalter über alternierend unter Lübecker respektive Hamburger Verwaltung. Hasse, ausgebildeter Tenor, begann seine Laufbahn an der Hamburger Oper und blieb auch später primär dieser musikalischen Gattung treu. Wir zeigen auf einer anschaulichen Karte die vielen Stationen seines Lebens, das insbesondere von seiner langen Ehe mit Faustina Bordoni geprägt war, einer gefeierten italienischen Sopranistin. Die längste Zeit wirkte das Paar an der königlichen Hofoper in Dresden, der sogenannten Zwingeroper und Vorgängerbau der heutigen Semperoper. Kein Wunder, dass Hasse im KomponistenQuartier vorwiegend als Opernkomponist dargestellt wird. Ein raffiniertes Modell einer historischen Opernbühne mit Schnürboden und Unterbühne macht dabei anschaulich, welche technischen Herausforderungen Kulissenwechsel bedeutet haben und die Besucherinnen und Besucher erhalten auch eine Vorstellung davon, wie schwierig sich die Beleuchtung einer Bühne in ihrer vollen Tiefe gestaltet haben mag ohne Elektrizität.
Fanny und Felix Mendelssohn (1805 bzw. 1809 in Hamburg geboren) waren ein Geschwisterpaar in nahezu symbiotischer Verbundenheit. Beide waren ihr Leben lang in engem brieflichem und musikalischem Austausch und merkwürdigerweise starben beide auch im selben Jahr 1847 nur relativ kurz hintereinander. So wird auch die Ausstellung im KomponistenQuartier über sie skizziert mit den Stichworten „Eine Wiege, zwei Wege, ein Grab“. Vater Abraham Mendelssohn war Bankier und hatte geschäftlich viel mit England zu tun, sodass es angeraten schien, wegen der französischen Besetzung und der Plünderung Hamburgs 1811 nach Berlin zu ziehen. Auch wenn Fanny heute von Fachleuten musikalisch und kompositorisch als mit Felix vergleichbar eingeschätzt wird, konnte sie diese Begabung nur im häuslichen Rahmen ausleben. In großzügigen Verhältnissen lebend durfte sie allerdings ihre berühmten „Sonntagsmusiken“ im Gartensaal des Hauses Leipziger Straße 3 aufführen, wozu bis zu 150 Gäste gebeten wurden. Felix hingegen „machte Karriere“, seine Wege führten ihn von Berlin nach Leipzig, aber auch nach Venedig, Florenz, Rom, Neapel, London und Paris.
Johannes Brahms (1833 bis 1897), geboren in Hamburg in einem der einfachen oder eher ärmlichen Häuser, die man heute als Überbleibsel der früheren Gängeviertel bezeichnet. Das Haus in der Speckstraße wurde bei den großen Bombenangriffen auf Hamburg 1943 zerstört. Brahms’ Vater war Musiker, seine Mutter war Näherin, siebzehn Jahre älter als ihr Mann und bekam (im 19. Jahrhundert!) mit über 40 Jahren noch drei Kinder, Johannes’ ältere Schwester Elise, dann Johannes und danach noch Friedrich Brahms. Lange Jahre verbrachte Brahms in Hamburg, wo er jedoch nicht wirklich die Anerkennung fand, die er erhofft hatte. Und lange hat er gebuhlt um diese Anerkennung in seiner Heimatstadt, deren Ehrenbürger er (endlich) 1889 wurde, allerdings erst während seiner Wiener Zeit. Hier war er über 25 Jahre, fast die ganze zweite Hälfte seines Lebens, und starb 1897 als gefeierter Komponist, Pianist und Dirigent. Das Brahms-Museum wurde wiederholt umfassend modernisiert, zuletzt 2021/2022. Der bestehende Denkmalschutz brachte jedoch auch gewisse Limitationen mit sich. Zu den schönen Dingen, die bewahrt werden konnten, zählen jedoch zum Beispiel im Eingangsbereich Teile der original erhaltenen bemalten Decke aus dem Jahr 1751.
Und zuletzt Gustav Mahler (geboren 1860 in Kalischt, Mähren, gestorben 1911 in Wien). Er war ein unruhiger Geist, fast ein Getriebener, der in seinen sechs Hamburger Jahren als Operndirektor zwischen 1891 und 1897 innerhalb Hamburgs mehrfach umgezogen ist. Er liebte die Technik und moderne Entwicklungen, so legte er seine Wege in Hamburg bevorzugt auf seinem neuen Fahrrad zurück. In einem der Museumsräume wird ein damals hochmodernes Reproduktionsklavier der Firma Steinway ausgestellt, das auf Basis der pneumatischen Welte-Technik sowohl „normal“ gespielt werden konnte, mit dem man aber auch gestanzte sogenannte Klavierrollen abspielen konnte. Hier kann man original hören, wie Mahler Mahler spielte. 1897 schließlich wurde Gustav Mahler als Direktor an die Wiener Hofoper berufen, sicher das Traumziel eines passionierten Künstlers, Dirigenten und Komponisten in seiner Zeit und wohl auch noch heute. Und zuletzt (von 1908 bis 1911) kam die „Krönung“ durch seine Zeit als Dirigent der New Yorker Philharmoniker und Direktor der Metropolitan Opera. Seine zahlreichen Reisen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten absolvierte er vor- wiegend auf Passagierdampfern der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG), worüber am Ende der Ausstellungen berichtet wird.
Wie haben wir uns entwickelt
Nach dem Mai 2015 ging es mit den ersten vier Museumsteilen erfreulich aufwärts, die Besucherzahl stieg stetig an, laufend konnten neue ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewonnen werden, namhafte Reisebüros buchten Führungen im Rahmen der von ihnen angebotenen Kultur- und Konzertreisen und der Bekanntheitsgrad unseres Museumsensembles nahm zu. Gleichzeitig haben wir den nächsten Bauabschnitt in Angriff genommen, dessen Grundkonzeption schon in der Zeit davor festgelegt worden war. Das bereits bewährte Prinzip wurde beibehalten: unterschiedliche Schwerpunkte, einheitliche Ausstellungsarchitektur, zueinander passende Farben, durchgängige graphische Gestaltung. Mit einem weiteren großen Festakt konnten wir am 28. Mai 2018 auch den zweiten Teil eröffnen. Das Jahr 2019 war dann das erste Jahr „in voller Blüte“ aller Museumsbereiche und dient uns heute noch als Referenz. Denn dann kam die Corona-Pandemie, und wir waren wie staatliche Museen auch gezwungen, unsere Institution für mehrere Monate zu schließen. Passgenaue staatliche Hilfen und die großzügige Haltung der Carl-Toepfer-Stiftung als unserer Vermieterin haben uns über die Runden geholfen, alle Ehrenamtlichen sind uns treu geblieben und guten Mutes konnten wir im Frühjahr 2022 unsere Räume wieder öffnen. Die Zwischenzeit haben wir für erste kleinere Renovierungen und Ergänzungen unserer Ausstellungen nutzen können. Nun mussten wir zwar nicht von vorn anfangen, aber ganz da, wo wir vor der Corona-Zeit standen, sind wir noch nicht wieder. Wir sind allerdings auf einem guten Wege und blicken zuversichtlich in die Zukunft. Vielen schulden wir großen Dank, vor allem unseren ehrenamtlich tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, ohne deren Engagement der Museumsbetrieb nicht denkbar wäre. Aber auch größeren und kleineren privaten Spendern für ihre teilweise substantielle Förderung, dazu institutionellen und auch staatlichen Förderern, sowie den Mitgliedern unseres Fördervereins „Freunde des KomponistenQuartiers“, die uns alle bis hierhin unterstützt, getragen und geholfen haben.